Vom Leid Facebook zu lieben

Fucking Facebook. Meine Mutter, die kein Facebook nutzt, hat mich nun gewarnt: „Hier, Facebook, wenn du dich nun einloggst, NSA, Obama, CIA, Überwachung, Tod, dies das, verschiedene schlechte Dinge“. Und plötzlich stand da diese Wahrheit über mich selbst im Raum, glasklar und greifbar: Mir ist es scheißegal.

Ich habe mich saumäßig schlecht gefühlt, das könnt ihr mir glauben. Unangenehme Wahrheiten über einen selbst sind immer für den Arsch. Und festzustellen, dass man eine verantwortungslose Man-Whore von Facebook ist, ist wie ein Tritt in die Eier. Aber, verdammt, ich liebe diese Seite. Ich finde sie wirklich aus tiefsten Herzen genial.

Um mein soziales Leben zu strukturieren, gibt es für mich einfach keine konkurrenzfähige Alternative im digitalen Zeitalter. Und ja! Ich hör doch schon diese Fünf-Korn-Mischungs-Fresser. Natürlich kann ich auch ohne Social Network leben! Ich kann auch mit einem Stein Feuer machen und mir meine Anziehsachen selbst weben, wenn ich will.

Es wäre für mich ein persönlicher Rückschritt, auf Facebook zu verzichten. Ich habe nun mal ein Smartphone, bin internetabhängig, liebe Menschen und Informationen über die Welt. Ich glaube, die gesamte Menschheit marschiert genau in diese Richtung. Und Facebook, diese verfluchten Bastarde, bieten mit ihrer Seite eine kostenlose Dienstleistung an, die einfach genial ist.

Es fängt schon an, wenn ich mich einlogge: Diese simple Übersicht aus „Neue Nachricht“ und „Neue Benachrichtigungen“ – oben in der Ecke. Bäm, auf einen Blick.

Dann die News-Seite: Zusammengestellt aus persönlichem Quatsch und gelikten Websites, die durch irgendwelche Datenklau-Analysier-Algorithmen von Facebook durch andere Inhalte ergänzt werden – Und ich mag’s. Ich scrolle durch und es ist als würde ich meine eigene, auf mich persönlich zugeschnittene Tageszeitung durchblättern.

Das allergrößte Plus bei Facebook ist die Möglichkeit über soziale Events informiert zu werden. Veranstaltungen zu erstellen oder diesen beizutreten. Bei mir Zuhause fliegen Flyer rum oder landen als Vorstufe zum Papierkorb in einer Kiste – bei Facebook werden diese automatisch eingeordnet und in eine Art Terminkalender eingefügt.

Ich liebe diesen Scheiß. Ich finde, diese Seite erfüllt zu 90% all meine Ansprüche an Social Network, wobei ich vorher nicht mal wusste, was mir ein Social Network bringen soll, weil es etwas völlig Neues ist. Aber wenn man es hat, dann weiß man es: Es ist eine Art virtuelles Leben.

Und da komme ich zum großen, großen Minuspunkt: Im wahren Leben habe ich Anonymität und ich bin Herr über meine Daten. Wenn ich auf die Straße gehe, ein Geschäft besuche und es keinem erzähle, dann weiß das auch keiner. Gehe ich bei Facebook „auf die Straße in einen Laden“, dann ist das, als würde ich im RL beim Betreten eines Ladens komplett gescannt werden, diese Informationen fließen direkt zu einem Marketingunternehmen, wird ausgewertet und am nächsten Morgen beim Weg zum Bäcker bewirft man mich mit Werbung für Produkte, die es im Laden von gestern gab und Werbevertreter rufen mich urplötzlich auf dem Handy an.

Das ist doch absurd. Ich habe überhaupt keine Rechte im Internet und es gibt sie auch nicht, nicht mal meine Grundrechte. Es ist wie unbesiedeltes Land, der Wilde Westen. Jeder darf jeden erschießen, ausrauben und dem Nachbarn ungestraft vor die Tür scheißen. Im Internet muss man Sporen haben, eine Peitsche in der Hand halten und bereit sein ein sündiges Leben zu führen.

Mir ist auch klar, woran es liegt: Wir haben nun mal keine Weltregierung, welche die Grundrechte für alle international durchsetzt, aber wir haben bereits eine Plattform für internationales Leben. Das wäre ja reinste Utopie. Die gleichen Rechte für alle auf der Welt. Dass ich hier in Ruhe leben kann, mit Grundrechten, denen ich zustimme und die ich jedem auf der Welt wünsche, funktioniert nur durch nationale Grenzen und damit durch das Vorhandensein von räumlicher Distanz. Das, was es im Internet nicht gibt und was es auch nicht geben soll und darf.

Das Internet ist deshalb ein verfluchtes Machtvakuum, dass ungehindert erschlossen werden kann durch geldgeile Konzerne (siehe Wild West), und es gibt keine staatliche Macht, die mich davor beschützt, wie sie es im RL mehr oder weniger tut.

Also was soll ich tun? Mit den Konsequenzen und Nachteilen leben, oder so tun, als würde nicht seit Jahrzehnten eine technologische Revolution stattfinden?

Wenn ihr also bald auf der Straße einen Irren ein Schild in der Hand haltend seht, auf dem „WELTREGIERUNG – BITTE, JA UND JETZT!“ geschmiert ist, dann bin ich das. Don’t judge me.

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