Pro-Prokrastination

Prokrastination wird sicher einmal zum Unwort des Jahres gewählt werden oder wurde es bereits schon. Doch ist dieses Wort eine super Sache, um einen Zustand zu beschreiben, in dem man genau das nicht tut, was man tun sollte. „Nicht-tun“ klingt gehässig und ist absolut nicht zutreffend. Man tut ja etwas, man erledigt nur keine relevanten Dinge, so wie „Ich schreibe lieber einen Eintrag in meinen staubigen ungenutzten Blog, anstatt für baldige Prüfungen zu lernen“. Aber ich glaube, man tut sich selbst etwas sehr Gutes damit.

Wenn ich mich anhand meiner Interessen und Hobbys charakterisieren müsste, so bin ich wie Octodad nur chaotischer und mit mehr unabhängig voneinander beweglichen Armen, die sich gegenseitig behindern. Struktur in meinem Leben ist mir heilig und gleichzeitig ein fernes, utopisches Ziel und der Begriff Prokrastination bringt mir zusätzliche Struktur. Was? Das ist Blödsinn? Nein, keineswegs.

Hier ein kleiner Auszug, der Dinge, denen ich mich gerne mehrere Stunden am Tag widmen würde: Kochen, Aufräumen, Lernen, Gitarre spielen, am PC abhängen, bloggen, zeichnen, basteln, lesen, joggen, Langhanteltraining, für meine Familie und Freunde da sein. Mein Leben ist zum Bersten voll gefüllt und ich habe das Gefühl, dass ich mich keine Sekunde langweile. Insofern habe ich ein sehr erfüllendes, glückliches Leben, dem es im Grunde nur an Zeit und Struktur fehlt und jemanden, der es leben kann, ohne dabei gestresst zu werden.

Um mein Leben zu strukturieren, stelle ich mir vor, dass es aus den großen Bereichen Arbeit, Leben, Entspannung besteht.

Arbeit umfasst alles, was irgendwie unangenehm ist, weil es die Zukunft beeinflussende, verantwortungsschwangere Dinge sind, wie für Prüfungen lernen und sich um Geldangelegenheiten kümmern. Ach ja, dazu kommt noch so unangenehmer Scheiß wie Zahnarztbesuche.

Leben ist der große Pott, in den Hobbys fallen, die einfach nur dem Selbstzweck dienen. Basteln und Malen gehört dazu. Gitarre spielen, Museen und Ausstellungen besuchen. Oder auch einfach mit Freunden rumhängen. Spaßige Dinge, die einem simple, kurzfristige Freude bereiten. Im Endeffekt ist das alles Prokrastination!

Zu Entspannung gehört vor allem Essen, Schlafen und Sport. Eindrücke verarbeiten und Emotionen Raum geben ohne viel darüber nachzudenken. Auch die Zeit, die man mit seiner Familie verbringt, dort wo man sich sicher und aufgehoben fühlt, gehört dazu. Das Basis-Müsli des Lebens sozusagen. Die Grundpfeiler des Seins.

Um ein glückliches Leben zu führen, sollte man sich jedem einzelnen davon zuwenden, egal, in welcher Phase man sich derzeit befindet. Ich neige dazu, dass ich Arbeit, wenn sie dringend wird, über alles andere zu stellen, was zu Hektik, Gereiztheit und Übellaunigkeit führt, oder auch zu sprunghaften, extremen Verhalten. Plötzlich bastel ich 10h bis tief in die Nacht hinein und schlafe dann erschöpft ein, um am Morgen verpeilt und müde aufzustehen und das Gefühl zu haben, man muss sich den Tag aus dem Arsch leiern.

Ein guter Tag sieht dann z.B. so aus: Entspannen, Arbeiten, Entspannen, Leben, Arbeiten, Entspannen. Klingt geil, oder? Man prokrastiniert also bewusst jeden Tag für ein paar Stunden, mit der Vorstellung, dass man einfach lebt oder vor sich hinlebt, weil man das braucht. Beim Leben sammelt man geistige Kraft für die Arbeit und beim Entspannen wird man Stress von der Arbeit los. Stellt man sich sein Leben so vor, fühlt es sich an, als würde man ein Wellnesswochenende planen. Das schwierige ist das Konkretisieren, also dass man genau bestimmt, welcher Sache aus den drei größeren Bereichen man sich widment.

Ein guter, konkreter Plan für den Tag sieht also so aus:

  • Frühstücken/Kaffee/Zeitung/herumstieren/lange Klositzung (Entspannung)
  • Ein, zwei Seiten lernen (Arbeit)
  • Mittagessen, Mittagsschlaf (Entspannung)
  • Gitarre spielen (Leben)
  • Ein, zwei Seiten lernen (Arbeit)
  • Familie/Essen/Kinder zu Bett bringen und selbst schlafen. (Entspannung)

So kann man seine Zeit verdödeln, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Niemand kann 24h am Tag lernen, auch wenn sich das viele vornehmen und scheitern. Pro-Prokrastinieren ist angesagt. Embrace your inner Schweinehund, mein Freund. Auch der Schweinehund in dir brauch Zeit, also sei so nachsichtig und gib ihm diese.

Was viele auch nicht beachten (Ich oft auch nicht), dass auch Arbeit sehr wichtig für das eigene Leben und man sich auch diesem Feld kontinuierlich widmen sollte. Wir sind Menschen, haben ein unproportional großes Hirn und wir wollen Aufgaben damit erledigen. Arbeit ist der Bereich, in dem sich der innere Abenteurer austoben kann. Der Persönlichkeitsanteil, der am liebsten in Büchern wie Game of Thrones leben würde, als Ritter in einer unwirtlichen Welt. Auch wenn dieses Bild völlig übertrieben ist – dieses Bedürfnis nach Dopamin erfüllt sich durch Arbeiten und die Vorstellung hilft, diesen Bereich nicht mehr als komplett öde und doof zu empfinden. Man ist ein Ritter mit einer undankbaren aber wichtigen Mission zu erfüllen.

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