Der Wahnsinn kommt in Form eines kleinen Menschen

Meine Mutter sagt mir immer, ich könne mir nicht vorstellen, wie es als Mutter ist.

Ich, ihr Sohn, würde nicht wissen, was es bedeutet und werde es auch niemals erfahren. Aber, glaubt mir, Mama und Mütter dieser Welt: Ich kann es mir vorstellen. Und es ist eine verdammt gruselige Vorstellung. Es ist sogar so erschreckend, dass ich verstehen kann, wieso manche eh schon völlig durchgeknallte Frauen, ihre armen Kinder einfrosten. Das Wunder des Lebens gibt ihnen einfach den Rest. Aber sowas Schreckliches will ich nicht hier und jetzt zum Thema machen. Der kitschige „Idealfall“ der Mutterschaft ist schon unfassbar schrecklich genug.

Stellt euch einfach folgendes Szenario vor:

Ihr seid eine Frau, ihr habt ein cooles Leben. Ihr seid intelligent und beliebt. Ihr feiert hart und ihr feiert wild. Das ganze Leben ist eine einzige Party und, meine Fresse, wenn ihr euch im Spiegel anseht, in diesem scharfen, zu kurzen Kleid, dann wisst ihr genau, dass ihr heute Abend nicht nur einen notgeilen Blicke ernten werdet.

Aber euch interessiert das natürlich nicht. Nicht euch tolle, intelligente, selbstbewusste Frau, denn ihr habt euren Macker, der den sabbernden Typen aufs Maul hauen wird. Ihr müsst nur ein Wort sagen und, bäm, gibt’s auf die Fresse. Danach guckt ihr ihn verliebt an, und erinnert euch an all die schönen, romantischen Momente am Strand, im Auto, im Bett, vor dem Fernseher. Ihr werdet geil, weil ihr auch an die sexy Momente mit ihm denken müsst. An geile Ficks überall, an verrückten Orten. Das Leben könnte kaum besser sein. Doch was ist das? Ihr spürt in euch hinein, vielleicht bei einer Tasse Tee am Fenster, wenn es draußen nebelig ist. Was ist das für eine Melancholie in euch? Diese Leere! Warum geht sie nur nicht weg? Lang, ja, lang denkt ihr darüber nach und bald triff es auch wie der Schlag. Es wird wahrscheinlich passieren, wenn ihr bei Karstadt rumlatscht, um euch geile Dessous zu kaufen und da seht ihr plötzlich niedliche, kleine Strampelanzüge. Ihr bleibt wie angewurzelt stehen und dann wird euch klar, was die ganze Zeit zum absoluten Glück gefehlt hat: Ein Baby!

Ihr geht zu eurem Macker und sagt es ihm, vielleicht erst nach Wochen oder nach Monaten des Grübelns, vielleicht sprecht ihr es sofort an. Und, nehmen wir jetzt mal den romantischen Idealfall an, er ist begeistert. Zufällig hat er auch noch diesen geilen Job als gutverdienender Ingenieur mit einer unbefristeten Anstellung bei einem internationalen Unternehmen mit Stil und Klasse. Es ist also der perfekte Zeitpunkt in eurem Leben, denn ihr selbst habt ja auch erst euren summa cum laude Uni-Abschluss gemacht. Die Familie kann kommen. Er will direkt loslegen und es ist aufregend und neu. So romantischen Sex habt ihr beide noch nie vorher gehabt.

Bald schon sitzt ihr mit eurem vollgepissten Tester auf dem Klo, nach Wochen der ausgebliebenen Menstruation, und jubelt wie bekloppt über das positive Ergebnis. Ihr rennt zum Frauenarzt mit eurem vor Glück bedröhnten Macker und freut euch so unglaublich über die Bestätigung eurer Ärztin des Vertrauens. Vielleicht habt ihr euch noch nie drüber Gedanken gemacht, aber verdammt noch mal, wieso habt ihr eine Leere verspürt, wenn ihr doch alles bereits hattet im Leben? Manchmal habt ihr auch diese Frage im Kopf, aber dann denkt ihr: ‚Ach na ja, das ist die innere biologische Uhr, das Wunder des Lebens!‘ Aber es ist vielmehr der Beginn einer niemals endenden Besessenheit.

Nun, wie sieht das Wunder des Lebens konkret aus: Nach der ersten Zeit des Glücks, wacht ihr auf und das Erste, was ihr tut, ist Kotzen. Ihr kotzt und kotzt und kotzt. Jeden verdammten Tag, wochenlang. Und ihr könnt nichts dagegen tun. Kaffee dürft ihr auch kaum trinken, und ihr habt Kopfschmerzen vom Entzug. Langsam aber sicher seht ihr wie euer Bauch anschwillt und sich nach außen dehnt. Euer Macker findet das toll, aber auch nicht so richtig geil. Sex mit ihm wird langsam aber sicher immer seltsamer. Er stößt ja auch seinen Pimmel in euch rein, wo gerade ein kleines Kind in einer Fruchtblase heranwächst. Aber ihr beide verdrängt den Gedanken mit Mühe und Not. Langsam spürt ihr, dass ihr immer seltsamer werdet. Ihr esst irgendwelchen Kram durcheinander. Ihr werdet launisch, depressiv, nervös, gelangweilt, neugierig, wütend, weinerlich, jammerig, fröhlich und das alles abwechselnd in der Zeit, die es braucht, um diesen Satz lesen. Komische Pickel entwickeln sich auf euer Stirn, als wärt ihr wieder pubertär. Eure Gliedmaßen saugen sich voll mit Wasser. Ihr schwellt immer mehr an und jeden Tag müsst ihr euch mit einölen, weil ihr schon seht, wie ihr Wachstumsstreifen durch euren sich immer weiter ausdehnenden Bauch bekommt. Eurer Bauchnabel stülpt sich schon nach außen und ihr habt Rückenschmerzen vom ständigen Hohlkreuz. Euer Macker findet euch nur noch mit Mühe geil, aber er weiß ja, dass es bald vorbei ist. Bei der Frauenärztin seht ihr auf dem Monitor das kleine Ding, das da in euch drin heranwächst. Die Ärztin hält einen klingelnden Wecker an euren Bauch, und – oh mein gott! – es bewegt sich! „Es“ ist nach ein paar Test auch zu einer „Sie“ geworden. Ein Mädchen, es ist ein kleines Mädchen! In euch drin, wächst seit Monaten ein kleiner, weiblicher, menschlicher Organismus heran! In euch wächst ein zweites Gehirn, ein zweiter Magen, ein zweiter Darm, durch Stoffe, die eurer Körper völlig ungefragt zur Verfügung stellt. Spätestens dann werdet ihr das erste Mal das Gefühl haben, euer Kopf würde explodieren. Ihr werdet mit zerzausten Haaren irre kichern und euren enormen Bauch streicheln. Euer Macker findet auch keine Worte mehr für das, was gerade abgeht.

Das kleine Wesen in euch drin, wird sich anfangen zu bewegen. Nachts werdet ihr wach, weil es von innen gegen euren Bauch tritt. Sowas kennt ihr bisher nur aus dem Film Alien aber jetzt habt ihr keine Angst, sondern reißt lieber euren Macker aus dem Schlaf, um es ihm mit zittriger Stimme zu erzählen.

Dann die Geburt. Der Punkt, ab dem ihr dann den Verstand endgültig verlieren werdet. Schmerzen, von denen ihr nicht mal geahnt habt, dass es sie gibt, durchzucken euren Körper. Schreiend und halb ohnmächtig werdet ihr eingeliefert und nach Stunden der Qualen zerreißt es euch den Unterleib. Es fühlt sich an, als würdet ihr einen Ziegelstein ausscheißen. Ihr kotet euch voll, Blut überall. Ihr wollt lieber sterben, als diese irrsinnigen Schmerzen weiter ertragen zu müssen. Das Gelaber der Hebammen nützt euch auch nichts, ihr hört es sowieso nur halb wie durch einen Schleier. Der Arm eures Mackers hat schon blaue Flecke von euren verkrampften Griffeln. Dann irgendwann ist es vorbei und irgendwas schreit. Es hört sich nicht schön an, aber für euch ist das schönste Geräusch auf der ganzen, weiten Welt. Mitten, in all dem Chaos, wird euch so ein kleines, schleimiges Etwas auf die Brust gelegt. Ein Lichtschein geht davon aus und ihr fangt mit Heulen an. Ihr flennt und verliert immer wieder das Bewusstsein. Zittrig drückt ihr eure Lippen auf das kleine Ding und flüstert ihm irgendwas ins Ohr.

Tage später seid ihr immer noch völlig geschockt vor Glück. Ihr merkt schnell, dass die Kleine, die ihr da zur Welt gebracht hat, euch genauso sehr braucht, wie ihr sie. Sie nuckelt an eurer Brust und ihr könnt sie wie im Zeitraffer wachsen sehen. Jedes zugelegte Gramm ist euch wichtiger als Wohlstand, Wissen und Anerkennung. So wächst die Kleine und ihr gewöhnt euch an euer Familienglück. Sie ist furchtbar süß, mit so riesigen blauen Augen. Ihr macht andauernd Fotos von ihr, sie brabbelt und eurer Herz fliegt in die Luft. Nachts werdet ihr wach, bevor die Kleine auch nur mit Schreien angefangen hat. Ihr folgt eurem Instinkt, dass eure Tochter Essen jetzt in diesem Moment unbedingt braucht. Nahrung aus eurem Körper. Eure Brüste sind geschwollen und heraus sprudelt eine milchige Flüssigkeit. Den ganzen Tag lang kreisen eure Gedanken nur um eure kleine Tochter. Ihr wollt lesen, aber irgendwie atmet sie komisch. Ihr geht nachsehen. Ihr wollt einen Film gucken, aber sie hustet zwei mal. Ihr messt lieber vorsichtshalber ihr Temperatur. Ihr wollt blöde Youtube-videos sehen. Sie fängt mit Schreien an. Ihr wollt Sex mit eurem Macker. Sie fängt an mit wimmern. Jedes Mal rennt ihr wie ferngesteuert hin, denn ihr habt nur sie im Kopf. Nonstop.

Die Kleine wird immer größer und irgendwann sagt sie ihr erstes Wort: „Mama“. Ja, das seid ihr. Das kleine Ding, was euch ausgebeult hat, Schmerzen zugefügt, und eure Gedanken kontrolliert, sagt jetzt „Mama“ zu euch. Sie lernt extrem schnell, kann bald laufen, klettern, ganze Sätze sprechen. Spielt am Esstisch und schreit ab und zu rum. Irgendwann müsst ihr sie auch nicht mehr windeln, weil sie von euch lernt, wie man auf die Toilette geht. Ihr fangt mit Weinen an, weil ihr es nicht fassen könnt. Sie folgt euch überall hin und braucht euch wie die Luft zum Atmen. Einmal seid ihr abgelenkt, als Besuch da ist, und die Kleine ist nicht mehr auf ihrer Kuscheldecke. Panisch rennt ihr durch die Gegend und findet sie dann in der Nähe einer Steckdose. In letzter Sekunde rettet ihr eurer Tochter das Leben und brecht dann in Tränen aus. Was hätte nicht alles passieren können? Einen Fingernagel breit stand die Welt vor dem Untergang und ihr habt es grad so vereitelt. Eurer Macker lacht nur doof rum und ihr seid sauer. Er hat keine Ahnung.

Doch dann, wenige Jahre später, passiert etwas Schreckliches. Eure Kleine kann schon allein einen PC bedienen und geht seit einiger Zeit zur Schule. Ihr müsst deshalb manchmal abends weinen vor Freude und Stolz, und dann sagt sie, als ihr mal wieder ihr Leben retten wollt: „Lass mich in Ruhe und hau ab.“ In diesem Moment bricht die Welt für euch zusammen. Ihr habt diesem kleinen, niedlichen Wesen das Leben geschenkt. Es unter Schmerzen zur Welt gebracht. Dank ihr, war euch alles egal. Ihr wolltet bloß, dass der Mensch, den ihr da produziert habt, gesund und glücklich ist. Wie habt ihr gelitten, als sie einmal Fieber hatte. Ihr seid vor Angst fast gestorben, damals. Die Ablehnung hört auch nicht auf. Sie wird älter, sie wird schöner. So wie ihr es einmal wart, als ihr noch keine Hängetitten hattet. Mit offenem Mund starrt ihr sie an, weil sie auf einmal sexy wird. Eben lag sie noch schleimig und unförmig auf eurer nackten, schwitzenden Brust und jetzt findet ihr gebrauchte Kondome in ihrem Papierkorb im Zimmer. Ihr fragt sie ungläubig, ob sie Sex mit dem Jungen hatte, den sie öfter mal mitbringt. Den lieben, kleinen mit der Topffrisur. Sie schreit euch nur an, ihr sollt nicht bei ihr rumschnüffeln und dass sie euch nun hasst wie die Pest. Am liebsten würdet ihr euch vom Balkon stürzen. Ihr habt körperliche Schmerzen. Es ist wie Liebeskummer, nur schlimmer. Am liebsten würdet ihr euch in die Klapse einweisen lassen. Aber ihr lest stattdessen komische Ratgeber zur Pubertät: Es geht angeblich vorbei.

Aber nichts geht vorbei: Ein paar Jahre später zieht sie arschwackelnd aus, und ihr seht sie von da an am häufigsten auf Facebook. Auf Bildern, die sie von sich und ihren Kumpels beim Party machen reinstellt. Irgendwann hat sie dann ihren Universitätsabschluss und ihren eigenen Macker. Und ihr werdet weinen, weil ihr so stolz, so traurig, so glücklich seid. Es pustet euch das Hirn aus dem Schädel und euer Macker muss euch halten, weil ihr hyperventilierend zusammenbrecht. So habt ihr alles für eure Tochter gegeben: eurer Leben, eure Liebe und euren Verstand.

Lasst mich noch mal zusammenfassen: Es beginnt mit einem unbegründeten Verlangen, einer glücklichen Besessenheit. Dann folgt die Erfahrung eines in euch heranwachsenden zweiten Organismus. Das ist so irre, als würde eins plus eins auf einmal drei ergeben. Es geht nicht in euren logisch denkenden Schädel rein. Dann wird euch dieser Organismus unter den größten Schmerzen wieder entrissen, in einer würdelosen Splatterszene mit euch in der Hauptrolle und von da an seid ihr auf ewig gebunden, eure Gefühle versklavt. Eurer Schicksal wird der Schmerz und das Unglück sein, denn das, was euch das Liebste auf der Welt war und nur euch gehörte, wird einmal sein Eigen werden.

Ja, Mütter dieser Welt, ihr seid zum Wahnsinn verdammt, auf immer dar.